DJEM 2026: 5. Runde

Altersklasse U16: All-In in Sachen Theorie – FM Neil Albrecht bittet CM Simon Max Skembris zum Najdorf-Duell

In der U16 hatte sich das Spitzenfeld zuvor extrem verdichtet. FM Neil Albrecht ging mit 2,5 Punkten auf dem Konto und in direkter Schlagdistanz zur Tabellenspitze in den Tag. Die Auslosung bescherte ihm an Brett 5 eine hochspannende Aufgabe mit den schwarzen Steinen: Ein echtes Titelträger-Duell gegen CM Simon Max Skembris (DWZ 2174), der ebenfalls 2,5 Zähler aufzuweisen hatte.

Psychologisch und theoretisch entwickelte sich diese Partie von Beginn an zu einem absoluten Leckerbissen, denn der württembergische FIDE-Meister bewies enormen theoretischen Mut: Zum dritten Mal hintereinander kam bei Neil die messerscharfe Najdorf-Variante der Sizilianischen Verteidigung aufs Brett – diesmal wieder, wie schon in der dritten Runde, mit den schwarzen Steinen. Neil vertraute seiner Vorbereitung vollkommen und suchte im theoretischen Najdorf-Sumpf die Entscheidung gegen den Candidate Master mit offenem Visier.

Skembris wich den ausgetretenen Hauptpfaden jedoch früh aus und setzte im 9. Zug auf das ambitionierte 9. Df3. Mit diesem Damenzug signalisierte Weiß sofort kompromisslose Angriffslust und baute in der Folge eine sehr scharfe, zweischneidige Stellung am Königsflügel auf. Da beide Spieler in entgegengesetzte Richtungen rochierten, entbrannte auf dem Brett schnell ein mörderisches Wettrennen mit gegenseitigen Königsangriffen.

Inmitten dieses taktischen Gewitters bewies Neil Nerven aus Stahl: Er ignorierte ein brandgefährliches Läuferopfer des Gegners auf h6 komplett. Stattdessen schlug er eiskalt mit axb2 zu, um die weiße Königsstellung am Damenflügel irreparabel aufzureißen. Während die unbarmherzige Computeranalyse Schwarz nach diesem Einschlag bereits als deutlich im Vorteil sieht, sieht die Realität am Brett oft ganz anders aus: Als Mensch eine solche hochgradig zweischneidige Stellung unter akutem Zeitdruck und in der aufgeheizten, knisternden Atmosphäre des Turniersaals mit all den Zuschauern im Nacken nervlich durchzuhalten und präzise zu Ende zu spielen, ist eine psychologische Mammutaufgabe.

Foto von Nils Katzenstein 

Neil war jedoch wieder in gewohnt starker Verfassung, behielt im absoluten Hexenkessel trotz fallender Blättchen den kühlen Kopf und setzte die komplexe taktische Aufgabe meisterhaft um. Mit präzisen Schwerfigurenzügen sezierte er die weiße Königsstellung regelrecht. Nach dem genialen Rückzug der Dame auf die Grundreihe (33… Qa8) war die weiße Verteidigung endgültig kollabiert. Simon Max Skembris strich die Segel und Neil feierte einen hochverdienten, glanzvollen Sieg. Mit nun 3,5 Punkten aus 5 Partien setzt Neil ein dickes Ausrufezeichen und springt mitten hinein in den ultimativen Kampf um die absolute Tabellenspitze.

Altersklasse U14: Ben Kaufmann beißt sich wie ein Terrier fest und knackt die Betonburg

Nach seinem brutalen Königsangriff am Vortag hatte sich Ben Kaufmann wieder voll im Turnier zurückgemeldet. Mit 2,0 Punkten wies er ein ausgeglichenes Punktekonto auf und hatte den Anschluss an das breite Verfolgerfeld wiederhergestellt. In der fünften Runde wartete auf Ben an Brett 11 eine anspruchsvolle strategische Aufgabe gegen Vincent Zander (DWZ 1944), der ebenfalls bei 2,0 Punkten stand.

Foto von Nils Katzenstein

Zander wählte mit den weißen Steinen einen sehr positionellen, geschlossenen Ansatz und eröffnete die Partie mit 1. Sf3, gefolgt von g3 und b3. Doch statt im weiteren Verlauf aktiven Druck über die langen Diagonalen aufzubauen, agierte der Spieler der SG Kaarst extrem vorsichtig. Weiß postierte seinen Läufer auf La3 und bot diesen direkt zum Abtausch an, um potenzielle schwarze Angriffsfiguren zu neutralisieren. Zudem untermauerte Weiß seine Stellung mit dem soliden, aber sehr passiven Zug c3. Zander schien sich von Beginn an komplett mit einem Remis begnügen zu wollen und mauerte sich in seiner Festung ein.

Ben brachte seinen König zwar ebenfalls per Rochade in Sicherheit, dachte aber gar nicht daran, sich auf ein langes, ereignisloses Manövrieren einzulassen. Stattdessen suchte er energisch nach Hebeln, um die Betonstellung des Gegners aufzubrechen. Im 14. Zug fackelte er nicht lange und brachte ein ambitioniertes, temporäres Bauernopfer mit e5 auf das Brett. Mit diesem taktischen Vorstoß bezweckte er, das schläfrige weiße Zentrum gewaltsam aufzureißen, wichtige Linien für seine Schwerfiguren zu öffnen und über den vorübergehenden materiellen Verzicht die Initiative am Brett komplett an sich zu reißen.

Bens Gegner hielt jedoch mit aller Macht dagegen. Zander weigerte sich standhaft, den angebotenen Raum zu nutzen oder sich herauslocken zu lassen. Stattdessen staffelte er seine gesamten Figuren extrem passiv zur Verteidigung auf den ersten vier Reihen und baute eine schier uneindringbare Festung auf. Die zähe, langwierige Suche nach einer Lücke kostete immens viel Bedenkzeit, weshalb auch in diesem Match beide Spieler vor der ersten Zeitkontrolle mit akuter Zeitnot zu kämpfen hatten. In den hektischen Minuten vor der Zeitkontrolle gelang es Zander punktgenau im 40. Zug, die Damen zu tauschen.

Es entstand ein Endspiel mit jeweils einem Springer und zwei Türmen, in dem die Stellung eigentlich sichtlich verflachte – doch Ben dachte gar nicht daran, die Waffen zu strecken. Er ließ einfach nicht locker und biss sich wie ein Terrier an seinem Kontrahenten fest. In einem geschickten, tiefgründigen Manöver dirigierte er seinen Springer vom Königsflügel quer über das Brett bis zum Damenflügel, behielt sich dabei aber stets die Option offen, bei Bedarf sofort wieder zurückzukehren.

Mit diesem Manöver stellte Ben dem Weißen eine psychologisch raffinierte Falle: Er bot Zander die Gelegenheit, mit b4 die b-Linie zu öffnen. Darauf hatte Ben insgeheim nur gewartet, denn nach der Linienöffnung hätte sein Springer wunderschöne, dominante Felder besetzt und Schwarz hätte exzellentes Spiel auf der a-Linie bekommen – wohlwissend, dass im Gegenzug seine eigene b-Linie strukturell geschwächt worden wäre. Doch auf dieses zweischneidige Abenteuer ließ sich der Kaarster nicht ein. Zander richtete sich stur auf das bereits von Beginn an anvisierte Remis ein, saß sprichwörtlich wie ein Kaugummi hinten drin und rührte überhaupt kein Holz mehr an.

Um doch noch ein schachliches Wunder zu erzwingen, blies Ben im tiefen Endspiel zur letzten Attacke: Er brachte entschlossen seinen eigenen König in Aktion und war bereit, bis zum allerletzten Bauern zu kämpfen. Nachdem Ben seinen Monarchen in einem weiten Marsch geschickt auf die andere Seite des Brettes überführt hatte, erzwang er endlich den ersehnten Hebel: Mit dem mutigen Vorstoß b6 knackte er die Symmetrie und öffnete die Stellung eigenhändig.

Daraufhin gelang es ihm mit fantastischer Endspieltechnik, sich einen brandgefährlichen Freibauern auf der d-Linie zu bilden. Als dieser unaufhaltsam nach vorne marschierte und akut mit der Verwandlung in eine neue Dame drohte, war der weiße Widerstand endgültig gebrochen. Vincent Zander musste einsehen, dass seine Kaugummi-Taktik gescheitert war, und streckte die Waffen. Ein grandioser Kampfsieg für Ben, der sich damit auf 3,0 Punkte vorschiebt und die Verfolgung der Spitze aufnimmt!

Kleiner Gag am Rande: Das württembergische Remis-Battle

Hinter den Kulissen liefern sich die beiden württembergischen Teamkollegen Neil und Ben während dieser DJEM wohl ein heimliches Battle um die meisten gegnerischen Friedensangebote. Während Ben diesmal in seiner zähen Partie „nur“ zwei Remisangebote abwehren musste, wurde Neil in der vorherigen Runde sogar mit ganzen vier Angeboten bombardiert. Die Jungs lassen sich eben nicht billig abspeisen!

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